Dienstag, 23. Juni 2026

Ab wann ist ein Schriftstelleres ein Schriftstelleres?

Ab wann ist ein Schriftstelleres ein Schriftstelleres?


Das weiß ich Gottseidank gar nicht mehr, sofern ich es jemals wusste. Und das hier ist auch kein Essay zur Frage. Als alter Zen-Fan beantworte ich mir selbst – fruchtbarste Dialoge je – die Nicht-Frage mit einer Frage: Wer ist es, der das fragt? Ich finde die logossprengenden Fragen, die man im Zen finden kann – oder finden sie einen – dermaßen weiterführend, dass ich mir diese eine Frage jetzt einfach nochmal selbst stelle, bevor ich dem schreibenden Betrieb doch noch auf den Leim gehe. Man muss ja so aufpassen: Wer ist es, der das fragt?


Es gibt noch mehr solch komischer Fragen wie die des Titels dieses [Textes]. Warum schreibst du? Wieso liest du? Weshalb musst du ausgerechnet jetzt pissen gehen?, usw.


Eines meiner Lieblingsbücher ist das Bi-Yän-Lu, weitere die seiner Verwandtschaft. Das war jetzt extrem wie arg intim, dieses Geständnis. Wie einer meiner seinerzeitigen Stammkunden Bei-der-Versicherung mal äußerte: Da können Sie sich ja gleich ein rosa (war es rosa?) Schleifchen um den [Zen­sur: kleinen Finger] binden und [Zensur: kleiderlos] durch [beliebige Stadt] laufen. So die Richtung jedenfalls.


Natürlich lese ich auch gerne Literatur: Was ist Literatur? Wer ist es, der das fragt? Aber das Bi-Yän-Lu.


Inzwischen verruhestandet, habe ich ja endlich die Zeit (gar nicht), die man einem Rentner so nach­sagt (wer oder was ist es, der oder das hier nachsagt?). So ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich interessiert in der Zeit stöbere, als ich mir überlegte, was ich mit meinem Eimer voll verfluchter Begabungen denn zukünftig anfangen solle. Dieses jugendliche Fragen hat sich zwar erledigt, weil verruhestan­det; doch gehe ich gerne, inzwischen liebevoll, in die Zeit zurück, in der ein junger Mann (ich) sich darüber zu zermartern drohte. Unterm Brennglas betrachtet, ging es bei der Frage ja auch eher dar­um: Womit wirst du dein Geld verdienen? Wollen? Müssen? Das, was ich zu wollen meinte, wurde es nie. Das, was ich dachte, niemals machen zu wollen, wurde es, und es blieb hartnäckig bis zum Ausscheiden aus dem Rat Race, Hamsterrad, wie auch immer.


Musiker? Sänger? Aktenordner? Gärtner? Bibliothekar? Hausmann? Professor? Freischaffender Künstler aller Sparten? Schreiner? Schriftsteller? Ah, da ist es wieder, das Wort. Es wurde: nach ei­nem Einstieg als Bürokaufmann: Versicherungsvermittler. Also an der Basis, bei den Kundi, am Tisch: mit Block, Bleistift, Herz und Verstand (plattitüdisierten sie in der Branche).


Daraus eine Ratgebung zu machen (mach das, was du am wenigstens meinst, machen zu wollen) oder Ähnliches, liegt mir nicht nur fern, es ist nicht meine Sache. Gefunden hat mich jeweils recht­zeitig, was mich (& Familie) trug. Das war bei mir eben so und bei jemand Anderem kann es anders sein.


Und natürlich schreibe ich gerne. Und natürlich kommuniziere ich gerne. Und natürlich mache ich gerne Bücher en papier, am liebsten selbst. Was ich nicht gerne mache: vorlesen, vorsingen, thea­tern, diskutieren, womöglich noch vor laufender Kamera, bäh. Ich kann meine Stimme selbst nicht hören und weiß, dass es mir zu stressig, zu lebensgefähr­lich ist, auf einer Bühne den Kasper zu machen, womöglich zu einer Uhrzeit, zu der ich, meinem Biorhythmus gehorchend, schon längst seit Stunden genüsslich schnarche. Und davon mal abgesehen: zu einem Konzert morgens um halb fünf, wer würde da hin wollen außer dem Rotschwanz, der Amsel?


Und wenn du mich fragst (wer ist es, der das fragt?): ich kann nicht beantworten, was ich lieber schreibe: ein Gedicht, eine kurze, erfundene Geschichte oder eine berechtigte Vorstandsbeschwerde an eine Firma, Krankenkasse, Versicherung, Bürgermeisteramt usw.


So. Genug des Zwischenaufstands in einer tropischen Juninacht. Jetzt wieder ab auf die verschwitz­te Pritsche.




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