Ab wann ist ein Schriftstelleres ein Schriftstelleres?
Das
weiß ich Gottseidank gar nicht mehr, sofern ich es jemals wusste.
Und das hier ist auch kein Essay zur Frage. Als alter Zen-Fan
beantworte ich mir selbst – fruchtbarste Dialoge je – die
Nicht-Frage mit einer Frage: Wer ist es, der das fragt? Ich finde die
logossprengenden Fragen, die man im Zen finden kann – oder finden
sie einen – dermaßen weiterführend, dass ich mir diese eine Frage
jetzt einfach nochmal selbst stelle, bevor ich dem schreibenden
Betrieb doch noch auf den Leim gehe. Man muss ja so aufpassen: Wer
ist es, der das fragt?
Es
gibt noch mehr solch komischer Fragen wie die des Titels dieses
[Textes]. Warum schreibst du? Wieso liest du? Weshalb musst du
ausgerechnet jetzt pissen gehen?, usw.
Eines
meiner Lieblingsbücher ist das Bi-Yän-Lu, weitere die seiner
Verwandtschaft. Das war jetzt extrem wie arg intim, dieses
Geständnis. Wie einer meiner seinerzeitigen Stammkunden
Bei-der-Versicherung mal äußerte: Da können Sie sich ja gleich ein
rosa (war es rosa?) Schleifchen um den [Zensur: kleinen Finger]
binden und [Zensur: kleiderlos] durch [beliebige Stadt] laufen. So
die Richtung jedenfalls.
Natürlich
lese ich auch gerne Literatur: Was ist Literatur? Wer ist es, der das
fragt? Aber das Bi-Yän-Lu.
Inzwischen
verruhestandet, habe ich ja endlich die Zeit (gar nicht), die man
einem Rentner so nachsagt (wer oder was ist es, der oder das
hier nachsagt?). So ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich
interessiert in der Zeit stöbere, als ich mir überlegte, was ich
mit meinem Eimer voll verfluchter Begabungen denn zukünftig anfangen
solle. Dieses jugendliche Fragen hat sich zwar erledigt, weil
verruhestandet; doch gehe ich gerne, inzwischen liebevoll, in
die Zeit zurück, in der ein junger Mann (ich) sich darüber zu
zermartern drohte. Unterm Brennglas betrachtet, ging es bei der Frage
ja auch eher darum: Womit wirst du dein Geld verdienen? Wollen?
Müssen? Das, was ich zu wollen meinte, wurde es nie. Das, was ich
dachte, niemals machen zu wollen, wurde es, und es blieb hartnäckig
bis zum Ausscheiden aus dem Rat Race, Hamsterrad, wie auch immer.
Musiker?
Sänger? Aktenordner? Gärtner? Bibliothekar? Hausmann? Professor?
Freischaffender Künstler aller Sparten? Schreiner? Schriftsteller?
Ah, da ist es wieder, das Wort. Es wurde: nach einem Einstieg
als Bürokaufmann: Versicherungsvermittler. Also an der Basis, bei
den Kundi, am Tisch: mit Block, Bleistift, Herz und Verstand
(plattitüdisierten sie in der Branche).
Daraus
eine Ratgebung zu machen (mach das, was du am wenigstens meinst,
machen zu wollen) oder Ähnliches, liegt mir nicht nur fern, es ist
nicht meine Sache. Gefunden hat mich jeweils rechtzeitig, was
mich (& Familie) trug. Das war bei mir eben so und bei jemand
Anderem kann es anders sein.
Und
natürlich schreibe ich gerne. Und natürlich kommuniziere ich gerne.
Und natürlich mache ich gerne Bücher en papier, am liebsten selbst.
Was ich nicht gerne mache: vorlesen, vorsingen, theatern,
diskutieren, womöglich noch vor laufender Kamera, bäh. Ich kann
meine Stimme selbst nicht hören und weiß, dass es mir zu stressig,
zu lebensgefährlich ist, auf einer Bühne den Kasper zu machen,
womöglich zu einer Uhrzeit, zu der ich, meinem Biorhythmus
gehorchend, schon längst seit Stunden genüsslich schnarche. Und
davon mal abgesehen: zu einem Konzert morgens um halb fünf, wer
würde da hin wollen außer dem Rotschwanz, der Amsel?
Und
wenn du mich fragst (wer ist es, der das fragt?): ich kann nicht
beantworten, was ich lieber schreibe: ein Gedicht, eine kurze,
erfundene Geschichte oder eine berechtigte Vorstandsbeschwerde an
eine Firma, Krankenkasse, Versicherung, Bürgermeisteramt usw.
So.
Genug des Zwischenaufstands in einer tropischen Juninacht. Jetzt
wieder ab auf die verschwitzte Pritsche.