Freitag, 26. Juni 2026

Die Himmel lohen

Die Himmel lohen.

Nasse Tücher sind die Nächte.

Gras brennt Sohlen.

Wasser verduftet.

Verblasst sind die roten Liebesschirme.

Von den trockenen Kehlen der Brünnchen

vor den Toren.

Der Junikäfer fällt tot auf den Gartentisch.

Wir essen gedünstet: uns.


Die Zeichen sind zu Ende.


(Spontangetippe auf Bluesky in Hitzewelle 6 2026, wollte nicht löschen.)


Dienstag, 23. Juni 2026

Ab wann ist ein Schriftstelleres ein Schriftstelleres?

Ab wann ist ein Schriftstelleres ein Schriftstelleres?


Das weiß ich Gottseidank gar nicht mehr, sofern ich es jemals wusste. Und das hier ist auch kein Essay zur Frage. Als alter Zen-Fan beantworte ich mir selbst – fruchtbarste Dialoge je – die Nicht-Frage mit einer Frage: Wer ist es, der das fragt? Ich finde die logossprengenden Fragen, die man im Zen finden kann – oder finden sie einen – dermaßen weiterführend, dass ich mir diese eine Frage jetzt einfach nochmal selbst stelle, bevor ich dem schreibenden Betrieb doch noch auf den Leim gehe. Man muss ja so aufpassen: Wer ist es, der das fragt?


Es gibt noch mehr solch komischer Fragen wie die des Titels dieses [Textes]. Warum schreibst du? Wieso liest du? Weshalb musst du ausgerechnet jetzt pissen gehen?, usw.


Eines meiner Lieblingsbücher ist das Bi-Yän-Lu, weitere die seiner Verwandtschaft. Das war jetzt extrem wie arg intim, dieses Geständnis. Wie einer meiner seinerzeitigen Stammkunden Bei-der-Versicherung mal äußerte: Da können Sie sich ja gleich ein rosa (war es rosa?) Schleifchen um den [Zen­sur: kleinen Finger] binden und [Zensur: kleiderlos] durch [beliebige Stadt] laufen. So die Richtung jedenfalls.


Natürlich lese ich auch gerne Literatur: Was ist Literatur? Wer ist es, der das fragt? Aber das Bi-Yän-Lu.


Inzwischen verruhestandet, habe ich ja endlich die Zeit (gar nicht), die man einem Rentner so nach­sagt (wer oder was ist es, der oder das hier nachsagt?). So ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich interessiert in der Zeit stöbere, als ich mir überlegte, was ich mit meinem Eimer voll verfluchter Begabungen denn zukünftig anfangen solle. Dieses jugendliche Fragen hat sich zwar erledigt, weil verruhestan­det; doch gehe ich gerne, inzwischen liebevoll, in die Zeit zurück, in der ein junger Mann (ich) sich darüber zu zermartern drohte. Unterm Brennglas betrachtet, ging es bei der Frage ja auch eher dar­um: Womit wirst du dein Geld verdienen? Wollen? Müssen? Das, was ich zu wollen meinte, wurde es nie. Das, was ich dachte, niemals machen zu wollen, wurde es, und es blieb hartnäckig bis zum Ausscheiden aus dem Rat Race, Hamsterrad, wie auch immer.


Musiker? Sänger? Aktenordner? Gärtner? Bibliothekar? Hausmann? Professor? Freischaffender Künstler aller Sparten? Schreiner? Schriftsteller? Ah, da ist es wieder, das Wort. Es wurde: nach ei­nem Einstieg als Bürokaufmann: Versicherungsvermittler. Also an der Basis, bei den Kundi, am Tisch: mit Block, Bleistift, Herz und Verstand (plattitüdisierten sie in der Branche).


Daraus eine Ratgebung zu machen (mach das, was du am wenigstens meinst, machen zu wollen) oder Ähnliches, liegt mir nicht nur fern, es ist nicht meine Sache. Gefunden hat mich jeweils recht­zeitig, was mich (& Familie) trug. Das war bei mir eben so und bei jemand Anderem kann es anders sein.


Und natürlich schreibe ich gerne. Und natürlich kommuniziere ich gerne. Und natürlich mache ich gerne Bücher en papier, am liebsten selbst. Was ich nicht gerne mache: vorlesen, vorsingen, thea­tern, diskutieren, womöglich noch vor laufender Kamera, bäh. Ich kann meine Stimme selbst nicht hören und weiß, dass es mir zu stressig, zu lebensgefähr­lich ist, auf einer Bühne den Kasper zu machen, womöglich zu einer Uhrzeit, zu der ich, meinem Biorhythmus gehorchend, schon längst seit Stunden genüsslich schnarche. Und davon mal abgesehen: zu einem Konzert morgens um halb fünf, wer würde da hin wollen außer dem Rotschwanz, der Amsel?


Und wenn du mich fragst (wer ist es, der das fragt?): ich kann nicht beantworten, was ich lieber schreibe: ein Gedicht, eine kurze, erfundene Geschichte oder eine berechtigte Vorstandsbeschwerde an eine Firma, Krankenkasse, Versicherung, Bürgermeisteramt usw.


So. Genug des Zwischenaufstands in einer tropischen Juninacht. Jetzt wieder ab auf die verschwitz­te Pritsche.




Freitag, 19. Juni 2026

Was man so alles hinterlassen könnte

 Beizeiten sollst du vorsorgen, sagen sie.

Und woran man so alles denken muss.


Bestenfalls zahlt man den Notar fürs Testament,

verfügt vor allem Löschungen im Netz, dem elenden.


Schick sind Schraubensets, mindestens tausendteilig, für die Sprösslinge;

an denen werden sie noch länger haben als an dir. Dübel, Dichtungen, Nägel

gehen auch. Werkzeug allgemein ist gut: «Die Zange hat mir damals … weißt du noch?

Und noch immer kein Rost.»


Ein paar Liebesgedichte mit Widmungen, aber nur mit Für F. anstatt mit vollen

Vornamen; Massenschlägereien am Grab gilt es im Vorfeld zu vermeiden.

Und unbedingt postulieren, es sei alles Fiktion, auch wenn es gelogen ist.

Die Nachwelt glaubt eh nur, was sie glauben will, und wird dies so äußern.


Gute Taten im Allgemeinen sind gut; oft sind diese geknüpft an Geldgaben.

«Er hatte notfalls immer einen Hunderter für mich übrig.» So etwa.


Einem Kleinkind eine quersteckende Fischgräte mit bloßem Finger aus dem Hals ziehen.

Das andere fieberkrampfend mit Tempo zweihundert nachts in die Klinik rasen.

Eben: da sein, wenn es drauf ankommt. Huch, ich bin in die Gegenwart gerutscht.

Naja, bin ja auch noch da. Vergisst man schnell mal.


Eine Bibliothek mit Büchern voller Markierungen und Zettel: liest garantiert niemand mehr.

Wen sollte interessieren, was ich am zehnten Mai zweitausendelf gedacht habe?

Ein paar Gitarren. Eine Mundharmonika. Einige Kaffeebecher mit schicken Motiven.

Die Rabattkarten der Märkte. Das Sparbuch mit der Summe für die Beerdigung.


Ein in den Schnee getrampeltes Herz.


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veröffentlicht (anonymisiert ausgewählt) in DUM - Das ultimative Magazin Nr. 117 Winken
https://www.dum.at/hefte/heft117.php?nav=aus

in Papierbuch kaufbar; entweder dieses (DIN A4 mit Original-Zeilenumbrüchen, Hardcover, Preis hoch)
https://buchhandel.de/buch/Gestern-Nacht-flog-ich-bei-klarem-Himmel-mit-den-Kranichen-zu-den-Sternen-9783769303063

oder dieses Taschenbuch (Taschenbuchformat, Softcover, Preis niedrig, mehr Umbrüche)
https://buchhandel.de/buch/Kraniche-Sterne-Taschenbuchausgabe-9783695187881

Bücher, Blogs, Bananenbeine

Aktuell teste ich für mich privat Blogs, suchend, was passt. In der Zwischenzeit dürft Ihr gerne meine Bücher bestellen. Der Link führt auf mein altes Blog bei Wordpress.

https://wildkatzeundpfirsich.wordpress.com/2023/05/07/bucher-aus-der-feder-von-wildkatze-und-pfirsich/

Für regelmäßige Skeets bitte hier entlang: https://bsky.app/profile/buecherkritzler.bsky.social

Spiralblock

 

Diese Worte schreibe ich nur

damit auf diesem Block mit der

viel zu dicken Metallspirale

ein Blatt weniger drauf ist

und er schneller leer wird.

Ich kann ihn nicht mehr sehen!


Wegwerfen indes möchte ich ihn

aber nicht, das wäre Verrat

an der Nachwelt.


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Abgedruckt in den best german underground lyriks 2004, Acheron Verlag

Montag, 15. Juni 2026

Marie

 Sie stand am Fenster in der Küche. Ihr Blick war leer, die Augen dick. Wo dort draußen war sie?, in der großen, der sehr großen, der zu großen Stadt, die ihr nicht guttat.

Die Matrix Landleben schimmerte ihr verträglich, schien verlockend zugänglich, und ihr Saldo hätte das Ausbilden zugelassen.

Doch sie klebte fest mit diesem unsichtbaren Glue. Was hielt sie? Die sippenhafte Verbande­lung ruhte so einvernehmlich wie distanziert, stellte kein Hemmnis dar; würde nicht, wenn.

Sie schnipste sich ein Krabbeln vom Ohr. Der Marienkäfer landete auf dem Rücken auf der Fensterbank zwischen den Töpfen des Korianders und des Rosmarins, strampelte.

Den Fingernagel ihres kleinen Fingers bietet sie ihm zuhilf: er nimmt an, erst den Fingernagel, dann den Finger, die Hand.

Auf dem engen Balkon im dreiundvierzigsten Stock hebt sie die Hand mit dem Verirrten in die Luft: Flieg!

Der Käfer fliegt, und sie ist wieder allein.

Wie gewohnt.

Hitzesommer 2026, Nr. soundsoviel

  Sonnenaufgangsvariante Nr. 55.111.677.899: Lachs in Blau-Grau-Moll. Des Tages drohender Zeigefinger ist die Zustandsgröße Temperatur. ...